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16.08.2022

Henley Royal Regatta (29.6.-3.7.2022)

Henley Royal Regatta (29.6.-3.7.2022)

Die Vorgeschichte

Viele GC-ler haben sich gefragt was eigentlich mit Tim Roth los ist, da national von ihm nichts zu hören war. Er studiert und trainiert seit letzten Herbst an der University of California Berkely (Cal). Als «Freshman» schaffte er es auf Anhieb in den ersten Achter und hat mit diesem die Hochschulmeisterschaften der Westküste (PAC12) und die nationalen Hochschulmeisterschaften (IRA) gegen die langjärhrig dominierenden Teams von Yale und Washington gewonnen. Tim ist nach den IRA-Meisterschaften mit Beginn der Semesterferien seit Anfang Juni zurück in der Schweiz und bildet zusammen mit Andrin Gulich (Küsnacht), Roman Röösli (Sempach) und Joel Schürch (Sursee) den neuen Elite Vierer ohne des SRV.

An den normalen, nichtolympischen Jahren dürfen Schweizer Ruderer aufgrund der gleichzeitig stattfindenden Schweizer Meisterschaften nicht an der Henley Royal Regatta starten. Dieses Jahr sollte eine der Ausnahmen bilden. Ian Wright, der neue/alte Nationaltrainer hat gleich von drei ausländischen Clubtrainern die Anfrage bekommen ob die dort engagierten Schweizer in Henley starten dürfen. Es handelte sich um die University of Oxford, welche für Barnabe Delarze und Roman Röösli die Freigabe beantragte, die Yale University für Andrin Gulich sowie Cal für Tim. Ian liess sich «weichklopfen», so dass Tim im Cal und Andrin im Yale Achter in der Ladies Challenge Plate, der zweithöchsten Achterkategorie antreten durften. Roman und Barnabe starteten im Vier ohne im Visitors Cup, auch der zweithöchsten Viererkategorie. Auf der Supporterseite waren vom GC wie üblich Juri Ben, Peti Doerr, Christian Grommé sowie zusätzlich meine Wenigkeit vor Ort.

Die Rennen

Aufgrund des «Overseas» Status und den Saisonleistungen war Cal gesetzt und musste keine Qualifikationsrennen durchlaufen. Am Freitag dem 1.7. ging es im Vorlauf gegen eine Renngemeinschaft des Thames Rowing Club und des Army Rowing Club. Hier noch ein Einschub für alle, nicht Henley Kundigen. Es wird im Ko-System gerudert, d.h. nur zwei Mannschaften pro Rennen, der Verlierer scheidet aus. Die Strecke in Henley beträgt 2112 Meter und ist damit gut 5% länger als die reguläre FISA-Renndistanz. Die Streckenbeschränkung besteht nicht wie üblich aus Bojen sondern aus Holzmasten im Format von Telefonmasten, dies, damit die Wellen des regen Schiffverkehrs auf der Themse etwas abgehalten werden. Die Wasserverhältnisse können, auch ohne Windwellen, als herausfordernd beschrieben werden. Gleich nach dem Start setzte sich Cal in Führung und baute diese bis Streckenhälfte auf ca. drei offene Längen aus. Danach nahm Cal etwas den Druck raus und verwaltete den Vorsprung bis ins Ziel. Im Halbfinale wartete das Universitätsteam von Dartmouth. Eigentlich die zweitstärkste Mannschaft der Ostküste. Darthmouth hatte an den IRA’s einen Podestplatz angestrebt leider aber den Halbfinal «vergeigt» und daher nur den Sieg im kleinen Finale (Rang 7) nach Hause nehmen können. Man wusste, dass sie mit Cal noch eine Rechnung offen hatten und sich seit den IRA’s konsequent auf Henley vorbereitet hatten. Cal musste aufgrund den nationalen Prioritäten einiger Ruderer, darunter auch Tim, nach dem napoleonischen Motto «getrennt marschieren, gemeinsam schlagen» vorgehen. Die gemeinsame Vorbereitungszeit von Cal war mit fünf Tagen sehr kurz und für die aus Kalifornien kommenden Ruderer auch seitens Zeitumstellung herausfordernd. Cal startete wie durch die ganze Saison hindurch sehr schnell und konnte Dartmouth bis Streckenhälfte fast um eine Länge distanzieren. Dartmouth lies sich aber nicht abschütteln und startete eine fulminante Aufholjagt. Vor der Stewards Enclosure waren sie fast auf Höhe Cal. Die «Bears», wie Cal gerufen wird (Yale «Bulldogs», Washington «Huskys») sammelten aber noch alle Körner zusammen die sie hatten, steigerten die Schlagzahl auf 39 und konnten eine Drittellänge ins Ziel retten. Der Finaleinzug war geschafft. Im Finale wartet der nächste grosse Gegner, die Mannschaft des Leander Club (der «GC von England»). Im Leanderboot sassen Ruderer, welche die Qualifikation für das Britische Elite-Nationalteam nicht geschafft hatten und die sich seit den Britischen Trials auf Henley vorbereitet hatten. Bereits nach dem Start konnte Leander die Bears leicht distanzieren. Die Mannschaft von Leander funktionierte wie eine gut geschmierte Maschine. Bis Streckenhälfte konnten sie Cal eine Länge abnehmen. Cal versuchte mit mehreren Zwischenspurts an Leander heranzufahren aber Leander war einfach zu stark und konnte die Länge Abstand bis ins Ziel halten. Cal ist der perfekte Abschluss einer (fast) perfekten Saison leider nicht gelungen. Es bleibt zu erwähnen, auf welchem Niveau die Rennen waren. Die Sieger von Leander waren, bei gleichen Windverhältnissen, 8 Sekunden langsamer als die Sieger der Grand Challenge, dem Britischen Nationalachter (Rotseesiger 2022) und etwas schneller als die Verlierer des Grands dem Australischen Nationalteam. Nach der anfänglichen Enttäuschung ist aber die Freude über das Erreichte zurückgekehrt, insbesondere da man alles gegeben hatte. Tim und die beiden anderen Henleyteilnehmer Andrin und Roman sind nach der Rückkehr wieder in Sarnen und bereiten sich mit auf die Elite EM in München vor (11. -14. August).

Die anderen Schweizer

Roman und Barnabe sind mit dem Oxford A Boot im zweiten Vorlauf leider ausgeschieden. Für beide wohl enttäuschendes Abschneiden nach dem Gewinn des Boatrace. Andrin Gulich ist mit Yale im Halbfinale gegen den späteren Sieger von Leander ausgeschieden.

Aus Zuschauersicht

Für mich war es die erste Henley Teilnahme. Die Stimmung ist einfach grossartig/überwältigend. Mit Regatten wie wir sie in der Schweiz kennen gibt es keinen Vergleich, es ist eher mit einem «Eidgenössischen» zu vergleichen. Bezüglich Zuschauerzahlen wird die Rotseeregatta um ein Mehrfaches übertroffen. Aufgrund der malerischen Kulisse, der Wahrung der Tradition wie z.B. mittels Dresscodes für Damen und Herren sowie dem Austragungsmodus fühlt man sich einige Jahrzehnte in die Vergangenheit versetzt. Man merkt auch, dass in England das Rudern einen etwas anderen Stellenwert besitzt als in Kontinentaleuropa. Für meine Frau Ingrid und mich war es jedenfalls ein fantastisches Erlebnis, insbesondere auch weil wir im Vorlauf aufgrund einer Einladung des Trainers von Cal, das Rennen und die Henley Kulisse vom Schiedsrichterboot aus geniessen durften. Ich hoffe, dass sich wieder einmal die Gelegenheit ergibt die Henley Regatta zu besuchen und kann dies auch jedem Ruderinteressiertem empfehlen.

 

Tomas Roth