Es begann mit einem harmlosen Gedanken im Frühling: "Wie wär’s mal wieder mit der Regatta in St. Moritz?" Ein Satz, dahingesagt nach einem lockeren Rudern auf dem Zürichsee bei Kaffee am Samstagmorgen. Doch wie so oft bei Ideen, die in sportlichen Nostalgierunden entstehen, wurde aus einem harmlosen "Könnte man ja wieder mal machen" eine echte Herausforderung im Engadin.
Zehn Jahre war es her, dass wir – eine Truppe junger Männer mit sportlichem Ehrgeiz und leichtem Hang zur Selbstüberschätzung – das letzte Mal auf dem St. Moritzersee unsere Boote ins Ziel gebracht hatten. Und weil Erinnerungen bekanntlich mit jedem Jahr etwas nebulöser werden und weil mit fortschreitendem Alter mehr Bonuspunkte bei der Rangliste zu holen sind, sagten wir uns: Dieses Jahr kämpfen wir um den Sieg.
Gesagt getan, Tobias Baumgartner, unser inoffizieller Reiseleiter, meldete uns an. Schnell war klar: Übernachten würden wir standesgemäss im Cresta Palace Hotel in Celerina – schließlich hatte man Ansprüche, wenn man schon zu einer sportlichen Höchstleistung auf fast 2000 Metern Höhe anreist.
Als Vorbereitung war wieder einmal Skiff fahren angesagt, da an der Regatta jeder Teilnehmer der 4-er-Mannschaft im Skiff einmal um den St.Moritzersee herum rudern muss. Die Paarungen für die Doppelzweierstaffette waren gegeben, bewährte Duos: Thomas Henauer mit Patrick Kolb und Tobias Baumgartner mit mir zusammen. Im Vierer wollten wir dann die gesammelten Erfahrungen einbringen.
Es konnte also nicht an der rudertechnischen Vorbereitung liegen, wenn wir dann an der Regatta nicht gewinnen sollten.
Die wahre Vorbereitung begann jedoch nicht etwa auf dem Wasser, sondern auf der Wiese vor dem Bootshaus Mythenquai: Beladen des Bootsanhängers. Am Donnerstagabend vor der Regatta hatten wir zusammen mit Michi Frohofer, seines Zeichens Regatta-Organisator, den Anhänger zu beladen und zwar nicht nur unsere Boote, sondern auch noch für die halbe Schweiz. So beluden wir den grossen Anhänger fast vollständig mit GC-Booten.
Regattatag, 06:00 Uhr, der Wecker klingelt gnadenlos. An Frühstücken im schmucken Hotel war um diese Tageszeit nicht zu denken, Abfahrt beim Hotel. Das Aufwärmprogramm bestand im Aufriggern der Boote, bevor dann die eigentliche Regatta begann.
Pünktlich um 08:00 Uhr: Start. Skiff. Einzelstart. 20 Sekunden Abstand. 1,5 km im Dreieck um den See. Was in Zürich gemütlich dahingleitet, wird auf 1800 m.ü.M. zur Qual. Noch bevor die Beine brannten, brannten die Lungen. Die Höhe schlug gnadenlos zu. Am Ziel angelangt, hiess es aussteigen und jemand anderem Platz im Skiff machen. Zum Glück gab es eine längere Verschnaufpause vor dem Doppelzweierrennen. Sobald der Puls wieder unter 200 war, folgte das Doppelzweier-Staffelrennen: Erst Tobias und ich, dann Thomas und Patrick. Übergabe nicht mit Staffelstab, sondern bei imaginärer Ziellinie.
Nach Zieleinlauf kein gemütliches Regenerieren, nein, die ersten Boote mussten schon wieder auf den Anhänger geladen werden. Der Vierer bildete den Schlussakkord. Start bei St. Moritz Bad. Ziel: Bootshaus.
Die Startlinie war schräg, Geduld war gefragt und dann... Ein Fehlstart! Und als wir dann endlich losruderten, erwischte uns das Schicksal in Form eines waschechten „Krebs“.
Ein Ruder klemmte, der Rhythmus ging flöten – und damit vermutlich auch der Ehrenplatz im Mittelfeld. Natürlich hätten wir ohne dieses Missgeschick alle andern Boote in Grund und Boden gefahren.
Die Rangverkündigung war auf den späteren Nachmittag angesetzt, so dass wir uns dem kulturellen Teil des Aufenthaltes widmen konnten. Am Nachmittag mit der Luftseilbahn zur Bergstation Marguns und dann zu Fuss zum Bergrestaurant Trutz wandern. Die einen (inklusive Vierbeiner Taro) wanderten diese Richtung, die andern fuhren mit dem Sessellift zum Bergrestaurant, um nachher den Hund in Empfang zu nehmen und wieder zu Fuss oder auf leisen Pfoten ins Tal hinunterzusteigen. Eine fantastische Tour bei hochsommerlicher Temperatur und tiefblauem Himmel über dem Engadin. Ob Wanderer oder Mitfahrer: Belohnt wurden alle mit der besten Engadiner Nusstorte oder sonstigen Leckereien, mit Sonne und einem Blick über das Engadin, der selbst die Schmerzen in den Oberschenkeln vergessen liessen.
Zurück im Hotelzimmer war Siesta auf dem Divano angesagt, damit wir wieder fit ins Abendprogramm starten konnten. Apéro beim Bootshaus des Ruderclubs St.Moritz mit reichhaltigem Buffet konnte den ärgsten Hunger und Durst stillen. Die Rangverkündigung bestätigte unsere Vorahnung, dass wir nämlich die Regatta im Mittelfeld beendeten und trotzdem glücklich über unsere gelungene Performance waren.
Für das Abendessen hat uns der profunde St.Moritz-Kenner Tobias die Pizzeria «Chesa Veglia» empfohlen. Nach längerer Wartezeit verzehrten wir die italienische Spezialität und machten uns anschliessend auf den Weg ins St.Moritzer Nachtleben. Nicht ganz einfach, unseren Geschmack zu treffen, landeten wir schlussendlich im stillen und gemütlichen Kulm Country Club und genossen den Mondaufgang auf der Terrasse bei einem kleinen Nachttrunk.
Der nächste Morgen wäre eigentlich für eine gemütlich Ruderfahrt auf dem Silsersee vorgesehen gewesen. Wäre, da wir uns schon wieder das opulente Frühstück hätten ans Bein streichen müssen. Und so setzten wir uns statt ins Boot an den reich gedeckten Frühstückstisch und beschlossen, dass man nicht immer rudern muss, um glücklich zu sein. Manchmal reicht ein frisches Gipfeli und ein Blick auf die Berge.
Teilgenommen haben: Patrick Kolb mit Frau und Hund, Thomas Henauer, Tobias Baumgartner und der Schreiberling Herbert Spitzer.
Bericht: Herbert Spitzer
Bilder: Erich Schneider





